15. Juni 2026
Die 5 größten Lügen über Beziehungen. Und warum sie uns täglich schaden.
Von Stephan Johanning · Paartherapeut · PAARDOLOGIE® Oldenburg · Lesedauer: ca. 9 Minuten
Du liest diesen Artikel weil du etwas verstehen willst. Vielleicht weil gerade etwas wehtut. Vielleicht weil du merkst dass da mehr sein könnte. Oder einfach weil du neugierig bist – auf dich, auf andere, auf das komplizierteste Ding der Welt: die Beziehung zwischen zwei Menschen. Was du auf den nächsten Seiten liest ist kein Selbsthilfe-Programm. Es gibt keine fünf einfachen Schritte zum Glück und keine Garantie dass danach alles besser wird. Was du bekommst ist Ehrlichkeit. Über das was uns über Liebe erzählt wurde. Und warum es uns schadet. Ich arbeite seit Jahren als Paartherapeut – in Oldenburg und online weltweit. Ich habe ein Buch über Beziehungen geschrieben. Ich halte Vorträge über Kommunikation und Bindung. Und ich mache täglich dieselben Fehler wie alle anderen auch. Das ist nicht Heuchelei. Das ist Menschsein. Und genau das ist der Anfang von allem.
Lüge 1: „Wenn ihr euch wirklich liebt, klappt es einfach."
Die Lüge klingt so beruhigend. Wahre Liebe trägt sich selbst. Wenn es die Richtige ist dann passiert es einfach. Wenn man sich wirklich liebt braucht man nicht daran arbeiten. Es fließt. Es ist leicht. Es ist einfach. Das haben uns Filme erzählt. Hochzeitsreden. Liebeslieder. Die Geschichte endet mit dem Kuss – und alles was danach kommt existiert nicht. Die Wahrheit ist dass verliebt sein von alleine klappt. Das stimmt. Neurologisch gesehen ist Verliebtheit ein Rausch – Dopamin, Noradrenalin, ein rauschhafter Mix der nach 18 bis 36 Monaten nachlässt. Was dann kommt ist nicht das Ende der Liebe. Es ist die Einladung sie überhaupt erst anzufangen. Echte Liebe ist kein Zustand – sie ist eine tägliche Entscheidung. Eine Praxis. Ein Handwerk. Wer das nicht versteht wartet auf ein Gefühl das nicht zurückkommt anstatt etwas zu bauen das bleibt. Ich erlebe das täglich in meiner Praxis in Oldenburg. Paare die nach drei Jahren sagen: Das Kribbeln ist weg. Wir haben uns verändert. Es ist nicht mehr wie am Anfang. Und dann schauen sie mich an als wäre das der Beweis dass sie die falsche Entscheidung getroffen haben. Es ist nicht der Beweis. Es ist der Anfang. Der Anfang von Liebe 2.0 – der tieferen beständigeren ehrlicheren Art zu lieben. Aber dafür muss man bereit sein sie zu bauen. Täglich. Auch wenn es nicht kribbelt. Auch wenn der andere gerade anstrengend ist. Auch wenn man lieber die Augen schließen würde.
Lüge 2: „Ich muss mich nicht verändern. Wer mich liebt, akzeptiert mich."
Die Lüge klingt nach Stärke. Nach Selbstbewusstsein. Nach dem gesunden Selbstwert den wir alle anstreben. Ich bin wie ich bin. Der Richtige nimmt mich so. Ich muss mich für niemanden verbiegen. Das klingt richtig. Es ist es zur Hälfte. Die Wahrheit ist dass es einen entscheidenden Unterschied gibt zwischen Selbstakzeptanz und Wachstumsverweigerung. Selbstakzeptanz bedeutet: Ich erkenne mich so wie ich bin. Ich verurteile mich nicht für meine Fehler. Ich bin mir meiner Schwächen bewusst ohne mich dafür zu bestrafen. Das ist wichtig. Das ist gesund. Das braucht jeder Mensch. Wachstumsverweigerung bedeutet: Ich weigere mich hinzuschauen. Ich weigere mich zu reflektieren. Ich weigere mich zu fragen was ich selbst zu dieser Dynamik beitrage. Wer den Satz „Der Richtige nimmt mich so wie ich bin" benutzt um der eigenen Reflexion zu entkommen – der sucht keinen Partner. Der sucht einen Spiegel der nur das Schöne zurückwirft. Den gibt es nicht. Und selbst wenn – er wäre keine Beziehung. Er wäre eine Illusion. Die mutigste Frage in einer Beziehung ist nicht: Warum versteht er mich nicht? Die mutigste Frage ist: Was bringe ich selbst mit das diese Dynamik immer wieder erzeugt? Diese Frage ist unbequem. Sie ist unbequem weil sie die Verantwortung dorthin zurückbringt wo sie hingehört – zu einem selbst. Und sie ist die einzige Frage die wirklich etwas verändert.
Lüge 3: „Wir haben uns einfach auseinandergelebt."
Die Lüge klingt erwachsen. Reif. Ohne Drama ohne Schuld ohne Vorwurf. Wir haben uns einfach auseinandergelebt. Es ist einfach passiert. Niemandes Schuld. So ist das Leben. Dieser Satz ist der bequemste Satz in der Geschichte von Trennungen. Und er ist fast immer falsch. Die Wahrheit ist dass auseinanderleben nicht mit euch passiert. Es ist nicht wie ein Unwetter das einfach über euch hereinbricht. Es ist das Ergebnis von hunderten kleinen Nicht-Entscheidungen. Momenten in denen man sich hätte zuwenden können – und es nicht getan hat. Aus Müdigkeit. Aus Gewohnheit. Aus der stillen Hoffnung dass der andere schon merkt was man braucht. Er merkt es nicht. Hunderte Abende auf dem Sofa nebeneinander mit dem Handy. Hunderte Gespräche die nicht geführt wurden weil der Moment nie passte. Hunderte Mal wo einer etwas brauchte und es nicht gesagt hat weil es zu schwierig schien. Hunderte Momente in denen sich eine kleine Tür leise schloss. Das ist kein Schicksal. Das ist Vernachlässigung. Und Vernachlässigung kann man umkehren – wenn man bereit ist hinzuschauen. Wenn man aufhört zu sagen „Es ist einfach passiert" – und anfängt zu fragen: Was haben wir beide dazu beigetragen? Das ist kein Vorwurf. Das ist die Voraussetzung für jeden echten Neuanfang.
Lüge 4: „Glückliche Paare streiten nicht."
Die Lüge klingt so logisch. Wenn ihr euch wirklich liebt herrscht Harmonie. Wenn ihr streitet ist etwas falsch. Wenn der Streit zu heftig wird ist die Beziehung kaputt. Also vermeiden wir den Streit. Schlucken runter. Schweigen. Funktionieren. Und wundern uns warum die Distanz wächst. Die Wahrheit ist dass John Gottman nach jahrzehntelanger Forschung an tausenden Paaren etwas herausgefunden hat das unsere Vorstellungen von Beziehungen grundlegend verändern sollte. Glückliche Paare streiten genauso oft wie unglückliche. Der Unterschied liegt nicht in der Anzahl der Konflikte. Er liegt nicht darin ob man streitet. Er liegt darin wie man streitet. Und was nach dem Streit passiert. Gottman hat vier Kommunikationsmuster identifiziert die er die Vier Apokalyptischen Reiter nennt – weil sie eine Beziehung zuverlässig zerstören. Verachtung ist das gefährlichste davon. Nicht Wut. Nicht Kritik. Verachtung. Das kleine Augenrollen. Der sarkastische Unterton. Der Blick der sagt: Du bist unter mir. Verachtung ist Gift in einer Beziehung weil sie dem anderen signalisiert: Ich sehe dich nicht als gleichwertig. Und dagegen gibt es keine Verteidigung. Konflikt ist nicht das Problem. Konflikt ist der Ort an dem echte Verbindung entstehen kann – wenn man bereit ist nicht zu kämpfen um recht zu haben sondern um verstanden zu werden. Die Frage ist nicht: Warum streiten wir? Die Frage ist: Wie streiten wir? Und finden wir danach wieder zueinander?
Lüge 5: „Wenn die Gefühle weg sind ist es vorbei."
Die Lüge fühlt sich so wahr an wenn man sie erlebt. Der Rausch ist weg. Das Kribbeln ist weg. Man schaut den anderen an und empfindet gerade nichts Besonderes. Und sofort kommt die Panik: Ist es vorbei? Habe ich die falsche Person gewählt? Ist meine Beziehung gescheitert? Die Wahrheit ist dass Gefühle kommen und gehen. Sie sind Wetterlage – keine Klimazone. Man kann tiefe Liebe für jemanden empfinden und trotzdem Tage haben an denen man ihn gerade nicht besonders mag. Das ist nicht das Ende der Liebe. Das ist der Alltag der Liebe. Wer auf ein Gefühl wartet das ihn trägt ohne selbst etwas beizutragen wird immer enttäuscht werden. Liebe ist eine tägliche Entscheidung. Manchmal mit Kribbeln. Manchmal ohne. Manchmal mit zitternden Händen. Manchmal wenn man noch wütend ist. Manchmal einfach: wieder. Es gibt Tage an denen man den anderen mit demselben Staunen ansieht wie am Anfang. Und Tage an denen man einfach nebeneinander sitzt und erschöpft ist. Beides ist Liebe. Das eine ist das Hochgefühl. Das andere ist die Tiefe. Und wer immer nur auf das Hochgefühl wartet – der verlässt eine Beziehung nach der anderen. Genau in dem Moment in dem sie anfangen würde tief zu werden.
Was diese fünf Lügen gemeinsam haben
Sie alle versprechen dasselbe: Dass Liebe einfach ist. Dass sie passiert. Dass sie sich trägt. Dass man nichts dafür tun muss wenn es die Richtige ist. Und genau das ist die Gefahr. Weil Liebe nicht einfach ist. Weil sie nicht einfach passiert. Weil sie sich nicht von selbst trägt. Weil man sehr wohl etwas dafür tun muss – auch und gerade wenn es die Richtige ist. Wissen schützt nicht vor Menschsein. Aber es öffnet die Tür zu etwas das besser ist als Unwissenheit: Verständnis. Und Verständnis ist der erste Schritt zu Liebe 2.0 – der Liebe die nicht trotz Schwierigkeiten besteht sondern durch sie gewachsen ist.
Drei Dinge die du heute noch tun kannst
Leg heute Abend das Handy weg. Nicht für immer. Nicht als große Geste. Für eine Stunde. Nur du und der Mensch neben dir – oder du und deine eigenen Gedanken wenn du gerade allein bist. Stell heute eine Frage die du noch nie gestellt hast. Nicht „Wie war dein Tag?" – das ist Logistik. Sondern: „Was beschäftigt dich gerade das du mir noch nicht erzählt hast?" Strecke heute die Hand aus. Auch wenn du noch nicht bereit bist. Auch wenn du noch wütend bist. Auch wenn du denkst es sollte der andere sein. Einer muss anfangen. Heute kannst du das sein.
Wenn du merkst dass es Zeit ist hinzuschauen
Manchmal reichen kleine Schritte nicht mehr. Manchmal sind die Türen schon zu lange geschlossen. Die Stille zu lang. Die Entfernung zu groß. Das ist kein Versagen. Das ist menschlich. Als Paartherapeut in Oldenburg und online begleite ich Paare die genau an diesem Punkt sind. Die spüren dass da mehr möglich ist – aber nicht mehr wissen wie sie es erreichen. Die bereit sind hinzuschauen. Das erste Gespräch ist immer kostenlos. Immer unverbindlich. Immer ehrlich. Keine Versprechen die ich nicht halten kann. Aber eine echte Möglichkeit dass sich etwas verändert. Weil ich glaube: Der Moment in dem man aufhört zu warten und anfängt zu handeln – das ist der wichtigste Moment in jeder Beziehung. Er muss nicht perfekt sein. Er muss nur passieren.
Stephan Johanning ist Paartherapeut, Diplom-Sophrologe, Autor und Comedian. Gründer von PAARDOLOGIE® – Paartherapie in Oldenburg und online weltweit.
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