PAARDOLOGIE® Blog – Paartherapie & Beziehungswissen aus Oldenburg

Der Tag, an dem ihr aufgehört habt, euch wirklich zuzuhören

Auszug aus PAARDOLOGIE® – Liebe 2.0 statt Rosenkrieg · Von Stephan Johanning · Paartherapeut · PAARDOLOGIE® Oldenburg · Lesedauer: ca. 6 Minuten

Es gab diesen Moment. Er war wahrscheinlich unspektakulär. Kein großes Drama, kein lauter Knall, keine Szene die sich ins Gedächtnis gebrannt hätte. Vielleicht war es ein Abend an dem du etwas erzählt hast – etwas das dir wichtig war, das dich beschäftigt hatte – und der andere hat genickt, aber du hast gespürt dass er nicht wirklich da war. Nicht wirklich bei dir. Und du hast geschluckt. Hast vielleicht den Satz nicht zu Ende erzählt. Hast innerlich eine kleine Tür geschlossen. Dieser Moment – dieser unspektakuläre, kaum wahrnehmbare Moment – ist in vielen Beziehungen der eigentliche Wendepunkt. Nicht der große Streit. Nicht der Verrat. Sondern dieser kleine, stille Moment, in dem echtes Zuhören aufgehört hat.

Zuhören und Hören sind nicht dasselbe

Die deutsche Sprache macht hier einen wichtigen Unterschied. Hören ist ein physiologischer Vorgang. Schallwellen treffen auf das Trommelfell, werden ins Gehirn weitergeleitet, werden verarbeitet. Solange man nicht schwerhörig ist, hört man automatisch. Zuhören ist etwas fundamental anderes. Zuhören ist eine Entscheidung. Eine Haltung. Eine Form von Respekt und Zuwendung die sagt: Was du sagst, ist mir wichtig. Du bist mir wichtig. Ich bin jetzt vollständig hier – nicht halb hier und halb woanders. Echtes Zuhören ist so selten dass es fast als revolutionärer Akt gilt. Die meisten Menschen die scheinbar zuhören, warten in Wirklichkeit auf ihre Gelegenheit zu reden. Das nennt sich in der Kommunikationswissenschaft zuhören um zu antworten statt zuhören um zu verstehen. Als Paartherapeut in Oldenburg erlebe ich das in fast jeder ersten Sitzung. Zwei Menschen sitzen mir gegenüber, beide überzeugt dass sie zuhören – und beide spüren beim anderen genau das Gegenteil.

Die fünf Ebenen des Zuhörens

In der Kommunikationsforschung unterscheidet man verschiedene Ebenen des Zuhörens. Die erste ist das ignorierende Zuhören – man hört körperlich, aber nichts kommt an. Die zweite ist das vorgespiegelte Zuhören – man nickt, sagt „Mhm", ist aber komplett woanders mit den Gedanken. Die dritte ist das selektive Zuhören – man hört nur die Teile heraus die einen interessieren oder die man bestätigen will. Die vierte ist das aufmerksame Zuhören – man hört tatsächlich die Worte und kann sie wiedergeben. Und die fünfte, die seltenste und wertvollste, ist das einfühlsame Zuhören. Hier hört man nicht nur die Worte. Man hört das, was hinter den Worten steht. Man hört das Gefühl in der Stimme. Man ist so präsent, dass man fast spüren kann, was der andere gerade erlebt. Das ist die Form des Zuhörens die echte Verbindung schafft. Die meisten Paare die zu mir in die Praxis kommen bewegen sich zwischen Ebene zwei und drei. Sie hören sich – aber sie hören sich nicht zu.

Warum echtes Zuhören so schwer geworden ist

Das Problem ist nicht dass wir nicht lieben. Das Problem ist dass das Leben laut ist. Arbeit, Kinder, Termine, Rechnungen, das Handy das ständig vibriert. Wir sind trainiert worden funktional zu sein – effizient, produktiv, multitaskingfähig. Und diese Effizienz übertragen wir unbewusst auf unsere Beziehung. Wir hören zu während wir kochen. Während wir aufs Handy schauen. Während wir schon die Antwort formulieren. Das ist keine böse Absicht. Es ist eine trainierte Gewohnheit – und Gewohnheiten kann man verändern, wenn man bereit ist hinzuschauen.

Was du heute noch verändern kannst

Echtes Zuhören beginnt mit einer einzigen Entscheidung: für die nächsten zehn Minuten wirklich da zu sein. Handy weglegen. Den Satz nicht vorbereiten den du gleich sagen willst. Einfach hören. Nicht um zu antworten – um zu verstehen. Stell heute eine Frage und warte danach wirklich auf die Antwort, ohne im Kopf schon weiterzudenken. Lass eine Pause entstehen bevor du selbst sprichst. Diese Pause fühlt sich am Anfang seltsam an. Für den anderen fühlt sie sich an wie: Ich bin dir wichtig genug, um wirklich bei dir zu sein.

Der teuerste Satz in einer Beziehung

Der teuerste Satz in einer Beziehung ist nicht „Ich liebe dich nicht mehr." Er ist „Ich hatte das Gefühl, du hörst mir sowieso nicht zu." Denn dieser Satz kommt immer zuerst. Lange bevor die großen Worte fallen, lange bevor jemand über Trennung spricht, steht dieser eine Satz im Raum – oft unausgesprochen, aber gefühlt. Wer ihn früh genug hört und ernst nimmt, kann sehr viel verändern. Wer ihn überhört, riskiert dass sich die kleine Tür von vorhin irgendwann ganz schließt.

Als Paartherapeut sehe ich diesen Moment täglich

In meiner Praxis in Oldenburg und online begegnen mir Paare die genau an diesem Punkt sind – nicht weil sie sich nicht mehr lieben, sondern weil sie aufgehört haben sich wirklich zuzuhören. Das ist keine Beziehungskrise im dramatischen Sinne. Es ist ein stiller Prozess, der genauso still wieder umgekehrt werden kann. Wenn man bereit ist, hinzuschauen.

Dieser Text ist ein Auszug aus meinem Buch PAARDOLOGIE® – Liebe 2.0 statt Rosenkrieg. Wenn dich dieses Kapitel berührt hat – der Rest des Buches geht noch tiefer.

Wenn du merkst dass es Zeit ist hinzuschauen

Das erste Gespräch ist immer kostenlos. Immer unverbindlich. Immer ehrlich. Keine Versprechen die ich nicht halten kann. Aber eine echte Möglichkeit dass sich etwas verändert. Weil ich glaube: Der Moment in dem man aufhört zu warten und anfängt zu handeln – das ist der wichtigste Moment in jeder Beziehung. Er muss nicht perfekt sein. Er muss nur passieren.

Stephan Johanning ist Paartherapeut, Diplom-Sophrologe, Autor und Comedian. Gründer von PAARDOLOGIE® – Paartherapie in Oldenburg und online weltweit.
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