16. Juni 2026
Dein Partner ist nicht dein Problem. So bequem das auch wäre.
Auszug aus PAARDOLOGIE® – Liebe 2.0 statt Rosenkrieg · Von Stephan Johanning · Paartherapeut · PAARDOLOGIE® Oldenburg · Lesedauer: ca. 6 Minuten
Es ist so verlockend. So menschlich. So unglaublich bequem. Der Gedanke, dass der andere das Problem ist. Wenn er sich endlich ändern würde, wäre alles gut. Wenn sie endlich aufhören würde, so zu reagieren, wäre der Streit weg. Wenn er nur zuhören könnte. Wenn sie nur nicht so empfindlich wäre. Wenn er nur mehr Initiative zeigen würde. Wenn sie nur weniger kontrollieren würde. Diese Liste ist endlos. Und sie ist, in ihrer reinen Form, eine der größten Fallen, in die Menschen in Beziehungen tappen können. Nicht weil der Partner keine Anteile an den Problemen hätte. Sondern weil der Fokus auf den anderen als primäre Ursache aller Probleme einen absolut blind macht für den einzigen Menschen, den man tatsächlich verändern kann. Sich selbst.
Projektion – das unsichtbare Spiel
Die Psychologie hat dafür einen Begriff: Projektion. Der Schweizer Psychiater Carl Gustav Jung hat dieses Phänomen beschrieben als den unbewussten Prozess, eigene unerwünschte Anteile auf andere Menschen zu übertragen. Dinge die wir an uns selbst nicht wahrhaben wollen – Ängste, Schwächen, Bedürfnisse – die projizieren wir nach außen. Wir sehen sie im anderen. Wir kämpfen gegen sie im anderen. Wir verurteilen sie im anderen. Jung sagte einmal sinngemäß: Alles was uns am anderen besonders irritiert, ist ein Hinweis auf etwas in uns selbst, das unsere Aufmerksamkeit verdient. Das ist kein angenehmer Gedanke. Er ist aber einer der nützlichsten, die ich kenne. Als Paartherapeut in Oldenburg erlebe ich diesen Mechanismus fast in jeder Sitzung. Jemand beschreibt mir was am Partner so unerträglich ist – und wenn wir tiefer schauen, taucht oft genau dieselbe Eigenschaft an einer Stelle im eigenen Leben auf, nur anders verpackt.
Warum wir das tun
Projektion ist kein Zeichen von Schwäche oder Böswilligkeit. Sie ist ein uralter Schutzmechanismus der Psyche. Es ist schmerzhafter, eine unangenehme Eigenschaft an sich selbst zu erkennen, als sie beim anderen zu kritisieren. Wenn er „immer alles kontrollieren will", ist es leichter darüber zu klagen, als sich zu fragen ob man selbst vielleicht auch Kontrolle über bestimmte Dinge ausübt – nur subtiler. Wenn sie „nie wirklich präsent ist", ist es leichter das zu beklagen, als sich zu fragen wann man selbst zuletzt wirklich präsent war. Das Gehirn sucht den Weg des geringsten Widerstands. Und der Weg des geringsten Widerstands führt fast immer nach außen, zum anderen, weg von der eigenen Verantwortung.
Verantwortung übernehmen ohne sich zu bestrafen
Verantwortung übernehmen für die eigenen Muster, Reaktionen und Anteile bedeutet nicht, sich selbst zu verurteilen. Es bedeutet, erwachsen zu werden in dem Sinne, dass man aufhört, das Leben und die Beziehung von der Perspektive eines Kindes aus zu führen, das auf äußere Umstände reagiert, und anfängt, bewusst zu gestalten. Louise Hay hat dazu eine Haltung beschrieben, die ich für eine der wertvollsten halte: Man kann sich selbst vollständig akzeptieren und gleichzeitig bereit sein zu wachsen. Diese beiden Dinge widersprechen sich nicht. Echte Veränderung entsteht fast immer aus Selbstakzeptanz, nicht aus Selbstverurteilung. Wer sich für seine Muster bestraft, bleibt in ihnen gefangen. Wer sie versteht und annimmt, kann anfangen sie zu verändern.
Die Frage die alles verändert
Es gibt eine einzige Frage die in meiner Praxis in Oldenburg mehr verändert hat als jede andere. Sie lautet nicht: Was macht mein Partner falsch? Sie lautet: Was macht das gerade mit mir – und warum trifft es mich so stark? Diese Frage ist unbequem, weil sie die Verantwortung dorthin zurückbringt, wo sie hingehört. Aber sie ist auch die einzige Frage, die wirklich etwas in Bewegung bringt. Denn man kann einen anderen Menschen nicht verändern. Man kann nur sich selbst verändern – und sich selbst zu verändern, verändert fast immer auch die Dynamik zwischen zwei Menschen.
Was das in der Praxis bedeutet
Das bedeutet nicht, dass der Partner keine Verantwortung trägt. Beziehungen sind immer ein Tanz zu zweit, und beide bringen ihre Anteile mit. Aber es gibt nur einen Menschen in dieser Beziehung, über den du wirklich Macht hast. Und das ist nicht der andere. Wer aufhört darauf zu warten, dass sich der Partner ändert, und anfängt zu fragen, was die eigenen Reaktionen über die eigenen alten Wunden verraten, hat den ersten und wichtigsten Schritt in jeder Paartherapie schon gemacht – noch bevor er meine Praxis betreten hat.
Als Paartherapeut sehe ich diesen Moment täglich
In meiner Praxis in Oldenburg und online erlebe ich immer wieder denselben Wendepunkt. Den Moment, in dem ein Mensch aufhört zu sagen „Wenn er sich nur ändern würde" – und anfängt zu fragen „Was hat das mit mir zu tun?" Dieser Moment ist nicht bequem. Aber er ist der Beginn jeder echten Veränderung.
Dieser Text ist ein Auszug aus meinem Buch PAARDOLOGIE® – Liebe 2.0 statt Rosenkrieg. Wenn dich dieses Kapitel berührt hat – der Rest des Buches geht noch tiefer.
Wenn du merkst dass es Zeit ist hinzuschauen
Das erste Gespräch ist immer kostenlos. Immer unverbindlich. Immer ehrlich. Keine Versprechen die ich nicht halten kann. Aber eine echte Möglichkeit dass sich etwas verändert. Weil ich glaube: Der Moment in dem man aufhört zu warten und anfängt zu handeln – das ist der wichtigste Moment in jeder Beziehung. Er muss nicht perfekt sein. Er muss nur passieren.
Stephan Johanning ist Paartherapeut, Diplom-Sophrologe, Autor und Comedian. Gründer von PAARDOLOGIE® – Paartherapie in Oldenburg und online weltweit.
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