PAARDOLOGIE® Blog – Paartherapie & Beziehungswissen aus Oldenburg

Das innere Kind sitzt immer mit am Tisch. Auch heute Abend.

Auszug aus PAARDOLOGIE® – Liebe 2.0 statt Rosenkrieg · Von Stephan Johanning · Paartherapeut · PAARDOLOGIE® Oldenburg · Lesedauer: ca. 6 Minuten

Stell dir folgende Szene vor. Ihr sitzt beim Abendessen. Es ist ein ganz normaler Dienstagabend. Und dann passiert irgendetwas. Vielleicht sagt der Partner einen Satz in einem bestimmten Ton. Und plötzlich bist du nicht mehr ganz hier. Plötzlich fühlst du etwas, das vollkommen unverhältnismäßig ist zur Situation – eine Welle von Schmerz, von Wut, von Rückzug. Die Antwort liegt nicht in dem, was gerade gesagt wurde. Die Antwort liegt in dem, was vor zwanzig, dreißig, vierzig Jahren einmal passiert ist. In einem Kinderzimmer, an einem Küchentisch, in einem Elternhaus, in dem bestimmte Dinge gesagt oder getan wurden – oder nicht gesagt und nicht getan wurden. Dieses Kind sitzt heute Abend mit am Tisch. Es sitzt immer mit am Tisch.

Was das innere Kind wirklich ist

Stephanie Stahl, deren Buch „Das Kind in dir muss Heimat finden" in Deutschland millionenfach gelesen wurde, beschreibt das innere Kind als die Gesamtheit aller kindlichen Erfahrungen, Gefühle, Erinnerungen und Glaubenssätze, die wir in uns tragen. Jeder Mensch trägt zwei Seiten dieses inneren Kindes in sich: das Schattenkind und das Sonnenkind. Das Schattenkind repräsentiert die verletzten Anteile – die Überzeugungen, die entstanden sind aus Momenten der Ablehnung, der Überforderung, des Verlustes. Das Sonnenkind repräsentiert die gesunden, lebendigen, freudigen Anteile. Als Paartherapeut in Oldenburg erlebe ich in fast jeder Sitzung, wie diese beiden Seiten miteinander ringen – meist ohne dass den Betroffenen bewusst ist, dass gerade nicht der erwachsene Mensch spricht, sondern das verletzte Kind von damals.

Die Bindungsstile

Die Bindungsforschung hat uns ein unglaublich nützliches Werkzeug gegeben: die Bindungsstile. Der sichere Bindungsstil entsteht, wenn ein Kind die Erfahrung gemacht hat, dass seine Bezugspersonen verlässlich, responsiv und liebevoll waren. Der ängstlich-ambivalente Bindungsstil entsteht aus inkonsistenten frühen Bindungserfahrungen – manchmal war die Bezugsperson da, manchmal nicht, und nie konnte man sich sicher sein woran man ist. Der vermeidende Bindungsstil entsteht häufig aus Erfahrungen, in denen emotionale Bedürfnisse konsequent nicht gespiegelt wurden – wo Nähe einfordern als zu anstrengend galt, und Selbstständigkeit die einzig sichere Strategie wurde. Keiner dieser Stile ist ein Urteil. Sie sind Anpassungen. Kluge, kreative Lösungen eines kleinen Menschen, der mit den Mitteln die er hatte versucht hat, sich Sicherheit zu verschaffen.

Die Frage die wirklich zählt

Die entscheidende Frage ist nicht: „Welcher Typ bin ich?" Die entscheidende Frage ist: „Welche alten Erfahrungen informieren mein heutiges Verhalten – und stimmt das noch mit dem überein, was ich wirklich will?" Diese Unterscheidung ist wichtig, weil eine Diagnose oft wie ein Endpunkt wirkt – als wäre man für immer „der ängstliche Typ" oder „der vermeidende Typ". Aber das innere Kind ist kein Urteil. Es ist eine Erklärung. Und eine Erklärung ist der erste Schritt zu Veränderung, nicht das letzte Wort.

Warum das in der Praxis so wichtig ist

Wenn sie explodiert, weil er zwanzig Minuten zu spät kommt – das ist selten wirklich wegen den zwanzig Minuten. Es ist oft das Schattenkind, das einmal gelernt hat: Wenn jemand nicht kommt, wenn er sagt dass er kommt, bin ich nicht wichtig genug. Wenn er sich emotional komplett verschließt, sobald sie weint – das ist selten Kälte. Es ist oft der Junge, dem beigebracht wurde: Gefühle zeigen bringt nur Ärger, also halte sie zurück. Keiner von beiden ist in diesem Moment böse. Beide sind verletzt – nur auf unterschiedliche Weise, und beide reagieren mit den Strategien, die als Kind einmal funktioniert haben.

Die tiefste Wahrheit hinter unserer Partnerwahl

Wir suchen in unseren Partnern nicht nur einen Gefährten. Wir suchen jemanden, der das heilt, was in unserer Kindheit nicht geheilt wurde. Das ist zu viel verlangt – und gleichzeitig der tiefste menschliche Impuls. Der Weg liegt darin, diese Heilung selbst anzufangen. Niemand sonst kann sie für dich übernehmen, so sehr du dir das manchmal von deinem Partner wünschst.

Was du heute noch verändern kannst

Der erste Schritt ist nicht, das eigene Schattenkind zu bekämpfen oder zu verstecken. Der erste Schritt ist, es zu erkennen, wenn es am Tisch sitzt. Wenn du das nächste Mal eine Reaktion in dir spürst, die größer ist als die Situation es eigentlich rechtfertigt, halte kurz inne und frage dich: Wie alt fühle ich mich gerade wirklich? Diese eine Frage öffnet oft mehr als jede Diskussion über das eigentliche Thema. Und wenn du sie deinem Partner mitteilst – „Ich merke, da reagiert gerade etwas in mir, das älter ist als diese Situation" – wird aus einem Streit ein gemeinsamer Moment des Verstehens.

Als Paartherapeut sehe ich dieses Muster täglich

In meiner Praxis in Oldenburg und online begegnen mir Paare, die sich fragen, warum bestimmte Reaktionen immer wieder auftauchen, obwohl die Situation objektiv harmlos war. Die Antwort liegt fast nie im Streit selbst. Sie liegt in dem Kind, das unsichtbar mit am Tisch sitzt – bei jedem von uns. Diese Erkenntnis ist keine Entschuldigung für verletzendes Verhalten. Aber sie ist der Anfang von echtem Verständnis – für sich selbst und für den Menschen gegenüber.

Dieser Text ist ein Auszug aus meinem Buch PAARDOLOGIE® – Liebe 2.0 statt Rosenkrieg. Wenn dich dieses Kapitel berührt hat – der Rest des Buches geht noch tiefer.

Wenn du merkst dass es Zeit ist hinzuschauen

Das erste Gespräch ist immer kostenlos. Immer unverbindlich. Immer ehrlich. Keine Versprechen die ich nicht halten kann. Aber eine echte Möglichkeit dass sich etwas verändert. Weil ich glaube: Der Moment in dem man aufhört zu warten und anfängt zu handeln – das ist der wichtigste Moment in jeder Beziehung. Er muss nicht perfekt sein. Er muss nur passieren.

Stephan Johanning ist Paartherapeut, Diplom-Sophrologe, Autor und Comedian. Gründer von PAARDOLOGIE® – Paartherapie in Oldenburg und online weltweit.
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